Kamille im Alltag – was wir aus vier Jahren Süditalien mitgenommen haben

Als wir mit unserer Familie mehrere Jahre in Süditalien gelebt haben, waren Verdauungsprobleme kein Ausnahmezustand, sondern Teil des normalen Alltags. Vor allem bei Kindern. Ein aufgeblähter Bauch am Abend, Druckgefühl nach dem Essen, Unruhe – das kam vor. Ohne dass es sofort einen Namen bekam.

Was mir im Rückblick am meisten auffällt: In Süditalien wurde daraus selten ein medizinisches Thema gemacht. Es ging nicht sofort um Unverträglichkeiten, Diagnosen oder darum, Lebensmittel konsequent zu streichen. Stattdessen wurde zuerst der Alltag betrachtet: Wie wurde gegessen? Zu welcher Uhrzeit? Wie hastig? Wie warm oder kalt? Und vor allem: Wie ruhig oder angespannt?

Kamille spielte in diesem Kontext eine ganz sachliche Rolle. Sie war kein Heilmittel und auch kein „Hausmittel im Notfall“. Sie war Teil der Küche. So selbstverständlich wie Olivenöl oder Brot.

Kamille wurde genutzt, wenn der Bauch sich meldete – unabhängig davon, ob man das Problem klar benennen konnte. Nicht, weil etwas „falsch“ war, sondern weil der Körper offensichtlich Unterstützung brauchte. Besonders bei Kindern war das auffällig. Bauchbeschwerden wurden dort weniger dramatisiert, sondern eher als Zeichen verstanden, dass das System gerade aus dem Gleichgewicht geraten war.

Was ich daran schätzen gelernt habe: Kamille wurde nicht eingesetzt, um Symptome zu unterdrücken, sondern um zu regulieren. Sie kam nach dem Essen zum Einsatz, am Abend, oder an Tagen, an denen viel gegessen, wenig pausiert oder ungewohnt kombiniert wurde. Niemand hätte in diesem Zusammenhang von einer Unverträglichkeit gesprochen – zumindest nicht als Erstes.

Gerade dieser Unterschied hat meine Sicht auf Verdauung nachhaltig verändert. Heute weiß ich: Nicht jeder aufgeblähte Bauch ist ein Hinweis auf ein dauerhaftes Problem. Oft ist es eine Reaktion auf Tempo, Menge, Temperatur oder Stress. Kamille passte genau in diesen Ansatz, weil sie nicht eingreift, sondern begleitet.

Wir haben Kamille in Süditalien nicht nur als Tee genutzt. Die Blüten lagen offen in der Küche, wurden leicht zerdrückt, mit heißem Wasser übergossen oder einfach nur als Duft wahrgenommen. Es ging weniger um die perfekte Zubereitung als um die Regelmäßigkeit. Kamille war da, wenn sie gebraucht wurde – ohne feste Regeln.

Diese Erfahrung habe ich mit nach Deutschland genommen. Heute greife ich bewusst zuerst zu Kamille, bevor ich beginne, Lebensmittel infrage zu stellen oder vorschnell von Unverträglichkeiten auszugehen. Gerade bei Kindern halte ich diesen Ansatz für wichtig. Der Körper ist noch in Entwicklung, Verdauung nicht immer konstant – und nicht jedes Signal muss pathologisiert werden.

Kamille ist für mich deshalb kein nostalgisches Mitbringsel aus Süditalien, sondern ein praktisches Werkzeug geblieben. Sie erinnert mich daran, dass Verdauung oft mehr mit Alltag und Rhythmus zu tun hat als mit dem, was man auf lange Listen streicht.

Wie wir Kamille angewendet haben

In Süditalien wurde Kamille nicht nach Schema angewendet. Es gab keinen festen Zeitpunkt, keine Dosierung im klassischen Sinn. Entscheidend war weniger das „Wie viel“, sondern das „Wann“ und „Warum“.

Am häufigsten kam Kamille nach dem Essen zum Einsatz.
Nicht sofort, sondern dann, wenn sich bemerkbar machte, dass der Bauch noch arbeitet. Ein Druckgefühl, leichte Blähungen oder dieses unspezifische Unwohlsein, das man gerade bei Kindern gut kennt. Kamille wurde dann nicht als Gegenmaßnahme verstanden, sondern als Unterstützung der Verdauung.

Verwendet wurden lose Kamillenblüten, keine stark aromatisierten Mischungen. Die Blüten wurden vor dem Aufgießen kurz zwischen den Fingern zerdrückt. Nicht aus Ritualgründen, sondern weil sich so die ätherischen Bestandteile besser entfalten. Anschließend wurde heißes, aber nicht kochendes Wasser darüber gegossen und der Aufguss einige Minuten stehen gelassen.

Bei Kindern wurde der Aufguss oft milder zubereitet. Weniger Blüten, mehr Wasser. Nicht, um etwas zu „dosieren“, sondern weil der Geschmack sonst zu intensiv geworden wäre. Entscheidend war, dass Kamille akzeptiert wurde – nicht, dass sie möglichst stark war.

Neben dem klassischen Aufguss wurde Kamille auch situativ eingesetzt:

  • an Tagen mit spätem Abendessen
  • nach sehr reichhaltigen Mahlzeiten
  • bei Hitze
  • oder wenn insgesamt wenig Ruhe im Tag war

In diesen Fällen ging es weniger um Verdauung im engeren Sinne, sondern um Entlastung des gesamten Systems. Kamille passte in diesen Ansatz, weil sie weder anregt noch blockiert, sondern regulierend wirkt.

Was ich ebenfalls übernommen habe: Kamille wurde nicht dauerhaft getrunken, sondern gezielt. Es war klar, dass sie helfen kann – aber sie musste nicht ständig präsent sein. Auch das unterscheidet sie von vielen modernen „Dauerlösungen“.

Heute handhaben wir es ähnlich. Kamille ist kein fester Bestandteil jedes Abends, sondern eine Option. Gerade das macht sie für mich wertvoll. Sie ist da, wenn sie gebraucht wird, ohne dass man den Alltag um sie herum organisieren muss.


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